13.1.06

Aus der Welt der Wikis: Dubito, ergo sum

Bertrand Meyer, Professor für Software Engineering an der ETH, befasst sich in seinem Paper "Defense and Illustration of Wikipedia" (PDF, 106KB) mit den verschiedentlich vorgetragenen Analysen, wonach das Prinzip von Wikipedia, jedem Schreibrecht zu gewähren, gar nicht funktionieren könne und über kurz oder lang die Qualität der Einträge sich auf einem niederen, wissenschaftlich unhaltbaren Niveau einpendeln müsse (Denning et al.; McHenry).
Meyer erwidert, die Praxis belege eher das Gegenteil: Dafür, dass dieses Projekt theoretisch gar nicht brauchbare Ergebnisse hervorbringen könne, funktioniere es im Alltag ganz hervorragend. Er bringt zwei Punkte an:
  • Vergleich: Der Vergleich mit den herkömmlichen Enzyklopädien (ob von Kritikern oder Befürwortern vorgebracht) ziele am Nutzen von Wikipedia vorbei: Es sei vielmehr eine Alternative zur schnellen Internet-Suche nach Informationen, die sonst über Suchmaschinen, bzw. über Google vorgenommen werden.
  • Nachvollziehbarkeit und Veränderbarkeit: Ausserdem biete Wikipedia (im Vergleich zu gedruckten Büchern, aber auch zu herkömmlichen Websites oder Posts im UseNet) die Möglichkeit, Fehler innert nützlicher Frist zu korrigieren. Auch wenn Fehler zuweilen lange unentdeckt blieben: sie können dann schnell und mit wenig Aufwand behoben werden.
Natürlich gilt diese Beobachtung besonders für fachlich wenig umstrittene Inhalte. Allerdings führt Meyer an, dass auch in der Informatik zuweilen die Diskussion-Seiten in Wikipedia gefüllt werden mit Vorwürfen der einseitigen Bevorzugung der einen oder anderen Software in gewissen Artikeln.
Meyer differenziert: Wikipedia nimmt eine besondere Rolle ein neben der für fachwissenschaftlichen Publikationen unverzichtbaren, wenn auch nicht vor Fehlern gefeiten Peer-Review-Methode. Es wird verschiedene Arten der Wissensrepräsentationen geben, die sich nicht ausschliessen sondern ergänzen. Wikipedia ist schnell aktualisiert und breit in den abgedeckten Themen; Fachpublikationen können dafür mehr in die Tiefe eines Phänomens gehen.

Letztlich kommt Meyer zum Schluss, der allgemein für die Nutzung des Internets gilt und als Leitmotto der Historischen Online-Kompetenz gelten könnte: dubito, ergo sum.
Since when are we supposed to trust everything that we read, printed, electronic or otherwise?
Einen besonderen Dreh erhält die Darlegung von Bertrand Meyer durch den Umstand, dass er in Wikipedia über die Weihnachtstage totgesagt wurde. Er wurde also selber Opfer jener Anfälligkeit von Wikipedia, die er analysiert. Dieser Wikipedia-Vandalenakt (oder in den Worten von Meyer: schlechter Studentenscherz) schaffte es in verschiedene Zeitungen und Online-Medien (zuerst bei Heise Online). Meyer beschreibt in einem Anhang die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zu dieser Episode, die sich auch als Fallstudie eignen würde und natürlich Parallelen zum Fall Seigenthaler aufweist. Was mich bedenklich stimmte, war die Bemerkung Meyers, die Version, welche seinen Tod vermeldete, wurde mittlerweile gelöscht (ein Screen-Shot der Datei ist hier zu finden). Offenbar gibt es Möglichkeiten, alte Versionen in Wikipedia zu beseitigen, was ich als Historiker bedauerlich, ja bedenklich finde. Braucht es eine verbindliche Leitlinie zur Archivierung der Wikipedia?

Literatur
Übersicht: Aus der Welt der Wikis

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