16.11.05

HOK - Lesen: Vom Suchen und Finden IV: Tagging

Eigentlich kam das schon bei meinem Eintrag "Suchen und Finden III: Communities!" vor, das Tagging - indirekt jedenfalls. Ein wichtiges Element der gemeinschaftlichen Kommunikation ist die Gliederung der Inhalte auf einer gemeinsamen Plattform. Beim (mittlerweile von Yahoo gekauften) gemeinschaftlichen Bilderdienst Flickr (und in der Folge auch bei der Bookmark-Sharing-Plattform Delicious und sogar beim Blog-Suchdienst Technorati) wurde ein anderer Weg gewählt als bei Web-Plattformen, die redaktionell betreute und vorgebene Gliederungsstrukturen aufweisen. Bei letzterem müssen die Anwender immer dann, wenn sie neue Inhalte eingeben wollen, entscheiden, zu welcher vorgebenen Kategorie ihr Thema am besten passt. Stattdessen kommt eine Technik namens Tagging zum Einsatz, der sich ein längerer Artikel bei C-NET widmet.

Beim Tagging können die Nutzerinnen und Nutzer selber entscheiden, mit welchen Stichworten (Tags) sie ihre Inhalte (Bilder, Wort- oder Audiobeiträge u.a.) versehen wollen. Damit können Tags definiert werden, die nur für eine Gruppe von NutzerInnen von Interesse ist ("BeachtripNov05"), es ermöglicht aber auch eine Flexibilität bei der Beschlagwortung, die unterschiedliche Wahrnehmungen oder Diskussionszusammenhänge berücksichtigt. Als Beispiel sei hier etwa die unterschiedliche Benennung von Atom- oder Kernkraftwerken genannt, die vom politischen Kontext des Sprechers, der Sprecherin abhängt.

Das hat für die Erstellung und für die Suche von Inhalten entscheidende Bedeutung. Die Wissensbestände organisieren sich nicht mehr nach einem strikten, geordneten Muster, sondern vergleichsweise chaotisch und entlang den Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wie kann da denn etwas gefunden werden? Die Nutzerinnen und Nutzer brauchen ja verschiedene Stichworte für gleiche oder gleiche Stichworte für verschiedene Sachverhalte.

Dennoch erhoffen sich Beobachter genauere Suchmöglichkeiten. Es macht einen Unterschied, ob Wörtern in einem Volltext gesucht wird, die mit komplizierten Algorithmen gewichtet werden, um eine Rangliste zu erstellen, oder ob anhand von Urhebern vergebenen Stichworten nach Dokumenten gesucht wird. Hier bestehen ganz offensichtlich konvergierende Elemente zu Metadaten, wie sie seit Jahren in Bibliotheks-Kreisen bereits für die Erfassung von Webinhalten beschrieben und gefordert wurden (vgl. dazu das 2002 ausgelaufene Projekt Meta-Lib). Auch das Konzept des semantischen Webs von Tim Berners-Lee geht in diese Richtung der Datenstrukturierung, die eine inhaltlich sinnvolle Verknüpfung von Dokumenten ermöglichen soll, die sogar automatisch von intelligenten Programmen vorgenommen werden können soll.

Doch das Tagging ist weniger ein organisatorischer oder technischer, sondern eher ein sozialer Ansatz der Datenstrukturierung. So entstand daraus der Kunstbegriff der "Folksonomy" (der englische Eintrag bei Wikipedia ist etwas ausführlicher als der deutsche). Denn auch andere Nutzerinnen und Nutzer können an eine Information einen Tag anfügen und so einerseits zur besseren, breiteren Beschlagwortung beitragen oder für sich selber eigene Gruppen von interessierenden Inhalten zusammenfügen. Das Tagging ist somit weitaus flexibler einsetzbar als Strukturierungselement als bestehende, logische Gliederungssysteme.

Noch einmal: wie sollen diese wilden, unkontrollierten Tags dazu beitragen, genauer und schneller Informationen zu finden? Auch wenn man nicht genau das Stichwort trifft, so gibt es doch über Doppeleintragungen (zum Beispiel ein Artikel, der sowohl mit Atom- als auch mit Kernkraft "getaggt" wird), die Verbindungen zwischen Stichworten herstellen können. Kombiniert mit herkömmlichen Volltext-Suchmöglichkeiten gibt es hier durchaus Potential, die Suchgenauigkeit zu erhöhen. (Vergleiche dazu auch die die Dissertation Metadaten-Management für kooperative Anwendungen von Ulrike Steffens, die versucht, integrative Metadatenmodelle und flexible Algorithmen zu kombinieren, um trotz unterschiedlicher Voraussetzungen bei den Beteiligten kollaborative Arbeitsformen im Internet zu ermöglichen.)

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