11.8.06

Aus der Welt der Wikis: Der Zusammenhang von Wikipedia und Rock'n'Roll

Aus einem Interview der Technology Review mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales anlässlich der Wikimania Anfang August:

TR: Was sagen Sie Lehrern und Professoren, die ihren Schülern und Studenten nicht erlauben, aus der Wikipedia zu zitieren, weil sie keine bekannte und verlässliche Quelle sei?

Wales: In den Fünfzigerjahren haben Eltern ihren Kindern doch auch verboten, Elvis Presley zu hören. Es ist einfach lächerlich, Studenten zu sagen, sie dürften die Wikipedia nicht nutzen. Sie tun es ja doch. Professoren sollten wieder ihre Verantwortung wahrnehmen, den Studenten beizubringen, mit der Welt auf eine erwachsene Art und Weise umzugehen. Sie sollten ihnen beibringen, Quellen kritisch zu würdigen. Sie sollten lehren, wie die Wikipedia entsteht und ihre Stärken und Schwächen erläutern. Und Sie sollten den Studenten sagen, wann sie ein Lexikon nutzen sollten und wann Primärquellen besser sind.

Lexika können einem schnell akkurate Hintergrundinformationen liefern. Wenn Sie einen Roman über den Zweiten Weltkrieg lesen und da ein Begriff auftaucht, den sie nicht kennen, greifen Sie zu einer Enzyklopädie und schauen es nach. Müssen Sie eine Seminararbeit zu dem Begriff schreiben, sind weder Britannica noch Wikipedia die richtige Quelle. Den Lexikon-Eintrag kann man als Einstieg lesen, aber dann muss man seine Hausaufgaben machen.

Und außerdem: Rock'n'Roll wird niemals sterben – die Wikipedia auch nicht. Wenn man seinen Studenten also sagt, sie nicht zu benutzen, hilft man ihnen damit überhaupt nicht.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Wer Wikipedia nutzt, tut gut daran, diese Quelle kritisch zu würdigen. Das beginnt mit einer Analyse der Entstehung und der Menschen, die zum fraglichen Artikel beigetragen haben und einem Quervergleich mit einer anderen Quelle. Das sollten Geschichtsstudierende schon in der Einführungsveranstaltung lernen. Aber vielleicht lohnt es sich, das auch explizit mit Wikipedia zu machen.

Ausserdem: Wales hat in seiner Eröffnungsrede an der Wikimania nicht nur den Ausschnitt aus dem Colbert-Report zur Wikiality gezeigt, sondern auch selbstkritisch zur guten Evaluation durch die renommierte Wissenschaftspublikation Nature angemerkt (Zitat aus der Zusammenfassung bei Wikipedistik - vielen Dank, Tim Bartel):
Nach ein paar Worten zu den Milestones des letzten Jahres (Quantität der Artikel in den verschiedenen Wikipedias) sprach er über die Seigenthaler-Affäre (“Apparently there was an error in Wikipedia”) und den Nature-Test. Hier wies er nocheinmal deutlich darauf hin, dass dieser für die Wikipedia sehr glücklich ausgegangen ist und ein Vergleich in einem anderen Bereich als den Naturwissenschaften vermutlich nicht zu einem vergleichbar positiven Ergebnis gekommen wäre.
Mehr zu Wikimania auch im Spiegel-Artikel "Elefanten überrennen Lexikon" (Der Titel bezieht sich auf auf die Wikiality-Aktion von Colbert). Dort fand ich folgende Passage zu den geplanten "stabilen" (= geprüften und für gut befundenen) Artikeln, die in Kürze beim deutschen Wikipedia eingeführt werden soll:
Auch der Erfinder des Prinzips "Wiki", Ward Cunningham, zeigt sich skeptisch. "Solange Wikipedia zwei Versionen hat [eine editierbare und eine "stabile", unveränderbare - Anmerkung Jan Hodel], ist das ok. Sollte aber in Zukunft ausschließlich eine von Zeit zu Zeit stabilisierte Version entstehen, dann wäre Wikipedia tot. Ohne die soziale Interaktion ist Wikipedia nichts."
Wikipedia ist eben mehr als ein Gratis-Online-Lexikon. Ein (sehr populäres) Beispiel für eine dank ICT mögliche Form des gemeinschaftlichen Erstellens und Veränderns (und Diskutierens) von Texten. Rock'n'Roll eben.

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