16.6.06

HOK Lesen: Quellen: Wikipedia und die Geschichtswissenschaften

Die offensichtliche Frage, inwiefern Wikipedia für den Gebrauch in den Geschichtswissenschaften geeignet ist, ist hier noch nie explizit gestellt worden. Die Überlegungen zum Prinzip der Wikis und zu Wikipedia waren eher allgemein gehalten.

Im Nachgang der Fertigstellung meines Textes zu "hist.collaboratory" (ein Torso, bzw. die allererste Anfangsfassung ist hier zu finden) wurde ich von Kollege Peter Haber, der meinen Beitrag redigiert, auf diese Frage gestossen.

Dass ich nun erst jetzt diese Frage direkt behandle, weist darauf hin, wie heikel dieses Thema (zumindest in meinen Augen) zu sein scheint: Die Vorstellung, dass jede Person die Einträge dieses Nachschlagewerks nach Lust und Laune verändern kann, widerstrebt den meisten Historiker/innen. Sie lassen es kaum als wissenschaftliche Informationsquelle gelten und mögen sich auch nicht als Autor/innen engagieren. (Wobei ich bereits einige Autor/innen in Wikipedia entdeckt habe, die sich als Historiker mit Hochschulabschluss zu erkennen geben - obwohl dies allein noch nichts über die Qualität der Einträge aussagt).

Die erste (und einzige mir bislang bekannte) Besprechung von Wikipedia in den Geschichtswissenschaften lief bei H-Soz-Kult und bezog sich auf die CD-ROM-Version vom Frühling 2005. Die Rezension widmete sich drei (!) Artikeln, die sich mit geschichtswissenschaftlichen Themen befassten: "Investitur-Streit", "Historiker-Streit" und "Merkantilismus". Dabei fand Rezensent Björn Hoffmann einige inhaltliche und formale Unstimmigkeiten und schwere Mängel.
Beispiel Merkantilismus: Waren die beiden ersten Stichproben zumindest nicht grob falsch, kann man das von vielen Formulierungen des Artikels zum Merkantilismus nicht mehr behaupten, der Merkantilismus wird hier als „vorherrschendes Wirtschaftssystem im Zeitalter des Absolutismus“ bezeichnet. (...) Hier wird der Eindruck erweckt, dass es sich beim Merkantilismus um ein einheitliches Wirtschaftssystem gehandelt habe (...). Das Gegenteil ist der Fall und in der historischen Forschung besteht darin auch kein Zweifel, dass der Begriff des Merkantilismus letztlich nur sehr unterschiedliche praktisch-wirtschaftspolitische Maßnahmen in Europa bezeichnen kann.
Wie schwierig es ist, Kritik an Wikipedia zu üben, weil Fehler schnell ausgemerzt werden können (und oft auch werden) zeigt eine Durchsicht der Artikel im Juni 2006. Die meisten von Schäfer kritisierten Mängel im Wesentlichen sind behoben und in den betreffenden Einträgen sind seit Mai 2005 jeweils über 100 Veränderungen vorgenommen worden (auch wenn diese Änderungen oft nur kleinere Tippfehlerkorrekturen waren). So heisst der erste Satz im Artikel Merkantilismus (am 14. Juni 2006):
Merkantilismus ist ein nachträglich verliehener Begriff für ein Sammelsurium verschiedener wirtschaftspolitischer Ideen und Politiken, welche sowohl geldpolitische als auch handels- und zahlungsbilanztheoretische, aber auch finanzwirtschaftliche Ansätze verbinden.
Im Mai 2005 begann der Artikel noch so (Version vom 9. März):
Der Merkantilismus (lat. mercator - Kaufmann) war das vorherrschende Wirtschaftssystem im Zeitalter des Absolutismus (16.–18. Jahrhundert). Er löste die mittelalterliche Zunft- und Stadtwirtschaft ab und ist verbunden mit der Herausbildung homogener Volkswirtschaften.
Kritik an Wikipedia ist deswegen nicht obsolet: Auch die aktuelle Version lässt noch zu wünschen übrig. Aber Kritik ist m.E aus verschiedenen Gründen schwer anzubringen:
  • Fehler werden schnell korrigiert und Mängel behoben, folglich veraltet die Kritik ebenso schnell.
  • Jede Kritik muss sich mit der Wikipedia-Aufforderung "Dann verbessere es doch!" auseinandersetzen. Das ist sonst bei Kritik an geschichtswissenschaftlichen Texten weder üblich noch möglich.
  • Die unglaublich Menge an Einträgen (die sich auch dauernd ändern) zu Themen der Geschichte und der Geschichtswissenschaften machen eine fundierte Analyse, die mehr als drei zufällig ausgewählte Artikel bewertet, ausserordentlich schwer.
  • Bei der Analyse ist zudem immer die Referenz zu berücksichtigen: Muss Wikipedia so gut sein wie die "Geschichtlichen Grundbegriffe", wie der "Brockhaus" oder einfach besser als das Suchergebnis bei Google?
Letzters möchte ich kurz am Beispiel des Begriffs "Historische Anthropologie" (Version vom 8. März 2006) erläutern: Inhaltlich ist der Eintrag (selbst für ein Lexikon) etwas mager, dafür listet er relevante Literatur zum Thema auf. Und das ist auf jeden Fall mehr, als was sonst im Internet zu diesem Thema zu finden ist.

Eine weitere Analyse von Wikipedia im Hinblick auf den wissenschaftlichen Nutzen für die Geschichte wäre noch zu leisten. Ich werde hier mal ein bisschen weiter daran rumdenken. Kommentare und Hinweise sind gerne willkommen!

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3 Kommentare:

Um 28/6/06 21:52, Anonymous Anonym meinte...

Ein lesenswerter Artikel zur Bedeutung der Wikipedia für die Geschichtswissenschaften hat Roy Rosenzweig in The Journal of American History Volume 93, Number 1 (June, 2006), p. 117-46 veröffentlicht. Online unter:
http://chnm.gmu.edu/resources/essays/d/42

PS: Der Rezensent der Wikipedia-DVD war Björn Hoffmann, nicht Christoph Schäfer
(siehe auch http://mail.wikipedia.org/pipermail/vereinde-l/2005-July/000400.html)

 
Um 28/6/06 23:26, Blogger jan hodel meinte...

was für ein fehler! der text wurde entsprechend korrigiert. vielen dank an "anonym" für korrektur und hinweis auf den artikel von rosenzweig.

 
Um 17/8/07 10:14, Anonymous Björn meinte...

Der folgende Link hat zwar nicht direkt mit Geschichtswissenschaften zu tun. Indirekt jedoch schon, weil er den "Meinungsbildungsprozess" bis hoch hinauf zum Vorstand von Wikimedia Deutschland an einm interessanten Fallbeispiel beleuchtet:

Wikipedia, Agitprop und Nina Gerlach

Björn

 

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